Die Macht der Worte für Frieden nutzen – Folge 1) Beruhigen wir uns

Schon in den vergangenen zwei Jahren hat sich nach der Meinung vieler das Gesprächsklima in unserer und vielen weiteren Gesellschaften massiv verschlechtert. Ich fürchte und sehe Anzeichen, dass der Krieg in der Ukraine viele Polarisierungen weiter verschärfen bzw. neue schaffen wird – auch in unserem Sprechen, sei es im privaten oder öffentlichen Raum.

Wir können mit unseren Worten auch einen anderen Trend setzen. Ich mache Dir in dieser Serie konkrete Vorschläge, wie Du die Macht Deiner Worte für Frieden wirksam machst.


Beruhigen wir uns

In welchem Zustand wir sprechen macht unheimlich viel aus dafür, welche Gespräche wir führen können. Deshalb geht es in der ersten Folge der Reihe nicht darum, was Du sagst, sondern wie Du es sagst. Genauer: In welchem Zustand Du sprichst.

Die Pandemie-Situation und die verschiedenen Konflikte rund um sie herum ließen uns in den vergangenen zwei Jahren schon andauern in den Alarm-Modus gehen. Davor wurde das Bewusstsein um die Bedrohlichkeit der Klimakrise und des Artensterbens für eine breitere Mehrheit akut. Mieten stiegen und der Protest dagegen wurde laut. Menschen wurden aus rassistischen Motiven ermordet und viele wurden dagegen laut. Jetzt kehrt gerade eine an den kalten Krieg erinnernde Weltlage überraschend zurück, inklusive atomarer Bedrohung. Es ist schwer, da nicht in Alarm zu geraten. Ich meine damit den Notfall-Modus, die Reaktion mit Flucht, Angriff oder Einfrieren. Der leistet uns zwar in bestimmten lebensbedrohlichen Situationen (Es brennt, ich muss jetzt meine Freundin wecken und mit ihr aus dem Fenster springen) ganz außerordentlich wunderbare Dienste. Aber: Für das Lösen vielschichtiger Probleme in Kontakt mit (vielen) anderen Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen hilft uns der vereinfachende Alarm-Modus nicht. Auch nicht für die Langstrecke und das Bohren dicker Bretter. Leider ist das auch in öffentlich geführten Gesprächen nicht immer klar, statt dessen wird implizit oder explizit Alarm als situationsangemessen dargestellt. Ich konnte Greta Thunbergs „I want you to panic“ gut verstehen. Und ich wollte und will auch, dass wir die Ernsthaftigkeit der (Klima-)Krisen emotional an uns heranlassen. Aber ich will auch, dass wir uns trotz und mit unserer emotionalen Beteiligung dann wieder beruhigen. Denn die Realität ist ja, dass wir aus den lebensbedrohlichen Krisen so schnell gar nicht herauskommen. Wir brauchen Dialogfähigkeit, Kooperation und Kreativität um Lösungen zu entwickeln. All das steht uns im Alarm-Modus nicht zur Verfügung. Also müssen wir uns trotz und in den Krisen aus dem Alarmmodus wieder herausbewegen. Damit meine ich nicht das Muster des Verdrängens. Denn wenn wir die Probleme beiseite schieben können wir ja auch schlecht an ihrer Lösung arbeiten. Was wir dringend brauchen ist unser gelassenes großes (also gemeint ist ‚reifes‘) Selbst, das fähig ist möglichst viele verschiedene Aspekte gleichzeitig zu sehen. Das auch widersprüchlich scheinende Aspekte erst einmal jeweils wahrnehmen kann. Das sogar noch dann eine gute Prise Humor und Freundlichkeit parat hat, wenn schon klar ist, dass sich gerade sehr unterschiedliche Positionen begegnen oder wenn sehr viel auf dem Spiel steht. Wie geht das? Schau ob etwas von den folgenden Möglichkeiten für Dich funktioniert:

1) Nimm das Bild des reifen Erwachsenen als Vorbild an

Welche Vorbilder fallen Dir ein für Menschen, die in schwierigen Situationen und Gesprächen ruhig und klar gesprochen haben? Welche Wirkung hatte das? Wie und wann bist Du selbst Deine reifste Version? Wenn jemand Deine Meinung kritisiert oder etwas sagt was Du fürchterlich findest und Du hast eine innere Klarheit, dass das nicht das Ende der Welt ist, sondern vielleicht der Beginn eines anstrengenden aber lohnenden Gesprächs? Schon allein der Fokus auf diesen Qualitäten und der Wunsch in diesen Zustand zu kommen unterstützt uns dabei. Zusätzlich kannst Du Dir bewusst Dinge suchen, die Du tun kannst und bei denen Du Dich in diesem Zustand erlebst.

2) Akzeptiere das „Schlimmste“

Mach Dir klar, was dasjenige bei einem Thema ist, was Dich am meisten in Rage, Hilflosigkeit, Verzweiflung oder Angst versetzt – all diese heißen oder eiskalten Zustände in denen Du Dir eigentlich etwas vom Leib halten willst oder um jeden Preis verhindern willst, dass etwas eintritt. Paradoxerweise können wir uns besser – und hier vor allem ruhiger – für Ziele einsetzen, wenn wir in uns den Raum haben unser Scheitern als Möglichkeit zu akzeptieren. Vielleicht schaust Du auf ein Thema und merkst zum Beispiel, dass es Deine größte Angst ist, für Deine Meinung abgelehnt zu werden von Menschen die Dir wichtig sind. Schau ob Du das als reale Möglichkeit akzeptieren kannst und bemerke, wie sich die Qualität Deiner Gefühle dabei verändert. Meine Erfahrung ist, dass sich mit zunehmender Akzeptanz die Gefühle oft zunächst intensiver zeigen, dann aber auch wieder aufhören. Im Beispiel beginnst Du vielleicht zu zittern vor Wut und Angst und merkst dann, wie die beiden von Trauer abgelöst werden. Weil es wirklich möglich ist, dass Menschen Dich fallen lassen, weil Du Position X oder Y vertrittst. Es gibt viele Dinge, die uns schrecken und es würde ja nur Sinn machen, wenn sich unsere Todesangst hier und da meldet. Wie die anderen Ängste kannst Du auch den Tod als Möglichkeit und Wirklichkeit für Deine Zukunft anerkennen. Fühle alle Gefühle und kehre dann zu den Handlungsmöglichkeiten und Deiner Wahl was Du tun willst zurück. Du wirst sehen, dass Du freier und nicht mehr so reaktiv entscheidest.

3) Normalisiere die Krise und blicke über sie hinaus

Ich meine damit nicht, ein Thema oder eine Bedrohung zu verharmlosen. Es ist aber eine Quelle von Entlastung, Gemeinschaft und Inspiration wenn wir uns klarmachen, dass wir keineswegs die ersten und einzigen sind, die jeweils in dieser oder jener Art von existenzieller Krise sind. Zum Beispiel in der Klimaschutzbewegung nutzen wir oft das Narrativ der „nie dagewesenen Krise“. Etwas daran stimmt. Allerdings verhindert die Erzählung gleichzeitig die Würdigung dafür, dass die Menschheit zusammen mit der gesamten heutigen Lebenswelt seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhundert bereits von Auslöschung durch atomaren Winter bedroht ist. Und dass viele Menschen und Gruppen von Auslöschung bedroht waren und sind in Kriegen, durch Völkermorde, rassistische Gewalt, Versklavung. Das Kraft spendende daran ist zu sehen, dass und wie Menschen dies schon überlebt und auch immer wieder Teile geheilt und Frieden neu gebaut haben. Zu fast jedem Thema gibt es also Geschichten von Überwindung der Krisen zu entdecken, von denen wir lernen und aus denen wir Kraft schöpfen können. Und die uns helfen zu verinnerlichen „So etwas ist schonmal passiert. Menschen haben es überlebt. Es gibt immer Möglichkeiten positiver Entwicklungen und Handlungsmöglichkeiten“. Anstatt Dich in der vermeintlichen Neuartigkeit oder Einzigartigkeit unserer jetzigen Situation zu verhaken kannst Du nach Geschichten fahnden, in denen Menschen ähnliche Situationen transformiert haben und von ihnen lernen.

4) Wähle eine spirituelle Perspektive

Bevor ich einen klareren spirituellen Weg für mich gefunden hatte, hat es mich schon immer unheimlich genährt und beruhigt, in der Schönheit von Natur zu baden oder im Naturkundemuseum in Berlin den Film über die Entstehung des Universums und seine Entwicklung zu sehen. In beidem entfaltete sich vor meinen Augen Harmonie in einer derartigen Wucht, dass mein größeres Vertrauen in die Güte der Welt aktiviert wurde. Heute habe ich weitere Erfahrungen vor allem mit dem ins Leben kommen und dem aus dem Leben scheiden – die Geburten meiner Kinder und die Begleitung meiner Mutter beim Sterben – die noch tiefere spirituelle Verbindung in mir erweckten. Was bringt Dich in Verbindung mit der Möglichkeit, dass durch alle Krisen und Gewalt gleichzeitig Schönheit, Sinn und Liebe scheinen?

5) Tu Dir gut

Vergiss die Pausen und das Schlafen nicht, das Feiern, den Fokus auf das Schöne im Hier und Jetzt. Du sendest Dir selbst (und anderen) dadurch die Erinnerung, dass auch in einer Welt mit Krisen all das da und möglich ist. Und dass Du es wert bist und es möglich ist, Dich zu entspannen.

Zum ‚Gebrauch‘ dieses Textes

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Qualität unserer Dialoge und jedes Einsatzes für Wandel und Frieden davon profitiert, wenn wir den Alarm Moduls verlassen. Trotzdem hat Alarm seine Berechtigung und seine Zeit und besonders kontraproduktiv wäre es, andere zu ermahnen oder ihnen gar vorzuwerfen, wenn sie im Alarm sprechen. Bei diesem wie bei vielen Schritten auf dem Weg der Gewaltfreiheit tust Du gut daran, Dich auf das zu konzentrieren was in Deiner Macht steht und Respekt und Freundlichkeit für Dich und alle anderen zu kultivieren, wenn Du selbst oder die anderen gerade nicht das tun, was Du persönlich für das Sinnvolle hältst.

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