Die Macht der Worte für Frieden nutzen – Folge 2) Weite Deinen Blick

Schon in den vergangenen zwei Jahren hat sich nach der Meinung vieler das Gesprächsklima in unserer und vielen weiteren Gesellschaften massiv verschlechtert. Ich fürchte und sehe Anzeichen, dass der Krieg in der Ukraine viele Polarisierungen weiter verschärfen bzw. neue schaffen wird – auch in unserem Sprechen, sei es im privaten oder öffentlichen Raum.

Wir können mit unseren Worten auch einen anderen Trend setzen. Ich mache Dir in dieser Serie konkrete Vorschläge, wie Du die Macht Deiner Worte für Frieden wirksam machst.


Weite Deinen Blick

In Konflikten oder angespannten Situationen neigen wir dazu, die Situation weniger komplex wahrzunehmen, als sie ist. Am Ende der Eskalation nehmen wir die Lage als scharfes entweder – oder von zwei komplett entgegengesetzten Möglichkeiten wahr. Wenn Du Dich dabei beobachtest, dass Dir ein Thema so erscheint, als gebe es nur eine sinnvolle Perspektive darauf (=Deine), dann nimm das als Zeichen, dass Du möglicherweise einen verengten Blick hast. Frage Dich bewusst, was für Aspekte oder Gründe es noch geben könnte, die Du aktuell ausblendest. Oder die Dir nicht bewusst sind, weil Du in einer bestimmten Lebenssituation steckst (mit Kindern, ohne Kinder, mit viel Geld, mit wenig Geld, andere Privilegien, räumliche Situation, Lebenserfahrungen, Kultur, …). Am besten ist es natürlich, wenn Du nicht Dich allein fragst, sondern echte andere Menschen – oder ihre Texte liest/ Videos schaust etc. von Menschen, die andere Positionen vertreten als Du selbst. Oft geht es dabei gar nicht nur darum im engen Sinne zu prüfen, ob Deine Argumente stimmen, sondern darum zu verstehen, von welchen anderen Blickwinkeln aus man auch noch auf ein Thema schauen kann, in welche Zusammenhänge man das Thema setzen kann oder mit welcher Geschichte man dahin kommt, anders als Du auf ein Thema zu blicken. Wenn Du nicht grade jemanden vor Dir hast mit einer ganz anderen Meinung als Du oder wenn Du einfach (erstmal) etwas spielerisch an die Sache herangehen willst, dann ist es eine schöne Übung, in einem Rollenspiel die jeweilige andere Position selbst zu übernehmen. Ich leite das regelmäßig an in meinen Seminaren zur Gewaltfreien Kommunikation und übe es auch immer wieder selbst. Es ist überraschend, wie viel Potential für neue Einsicht darin steckt. Denn wenn ich mich z.B. mit einer Freundin hinsetze und wir spielen für fünf Minuten ein Gespräch, indem ich eine Position vertrete, die gar nicht meine ist, oder die ich doof finde, dann sollte man ja meinen, dass nicht viel neue Information in mein System kommt. Trotzdem produziert das regelmäßig große Aha-Effekte. Das hat etwas damit zu tun, dass ich auf andere Weise Verbindung aufnehme mit der anderen Position und der Person, die sie vertritt. Das Rollenspiel macht mir Informationen und Zusammenhänge bewusst, die das Einnehmen meiner eigenen Position und das Argumentieren gegen andere mir verstellt. Das ersetzt nicht das Recherchieren oder Zuhören oder Lesen. Aber es ergänzt es und fördert das Verständnis zutage, das schon in mir angelegt ist. Ein verbindungsförderlicher Ansatz aus der Gewaltfreien Kommunikation ist der Fokus auf die Frage: Welche Bedürfnisse möchte eine Person sich mit bestimmten Aussagen oder Handlungen erfüllen? Das Verbindende kommt daher, dass Bedürfnisse universell sind. Das heißt: Menschen haben alle grundsätzlich dieselben Bedürfnisse und verstehen einander auch auf dieser Ebene unabhängig von Kultur und Sozialisation. Wenn Du das ausprobierst, wechselst Du also bewusst auf eine Ebene, die Gemeinsamkeit hervorhebt. Du merkst dann „Die Meinung ABC, die Du vertrittst, lehne ich ab, aber ich kenne auch das dahinterliegende Bedürfnis nach XYZ“.

Was hilft der weite Blick?

Ab und zu (hoffentlich ;)) merkst Du im Erweitern der Perspektive, wo Deine Position schwach ist oder Du sie auch einfach zurücknehmen möchtest. Und auch da wo das nicht so ist, entspannt es oft, einzutauchen in andere Sichtweisen. Mindestens die Menschlichkeit Deines Gegenübers wird für Dich erlebbar und der Effekt der Konflikteskalation, dass die ‚Gegner‘ immer monströser werden, wird teilweise oder ganz rückgängig gemacht. Und schließlich macht Dich der weite Blick zu einer verständigeren Gesprächspartner:in. Wenn Du Dich wirklich in einer Gesprächssituation mit Menschen findest, deren Meinung Du vorher einfach nur „…“ fandest (negative Wertung Deiner Wahl einfügen), dann kannst Du sie jetzt leichter mit mehr Facetten wahrnehmen und zum Beispiel sowohl Unterschiede als auch verbindende Elemente sehen und ansprechen.

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