Den Schmerz heimholen

Wofür und auf welche Weise lohnt es sich, sich mit ‚alten Wunden‘ zu beschäftigen? Warum und wie soll ich weiter Energie investieren, wenn mich bestimmte Themen immer wieder begegnen?

Wir begegnen in der Arbeit an äußeren und inneren Konflikten unweigerlich ‚Altlasten‘ und sind damit (und mit uns selbst) dann oft ungeduldig. „Warum lässt mich dieser alte Kram denn nicht los?“ oder „Jetzt ist aber mal gut!“ sind typische Gedanken. In diesem Text teile ich eine Erfahrung, die zeigt wofür es sich lohnt, hier nicht zu stoppen, sondern vielmehr tiefer mit mir selbst in Kontakt zu gehen.

Einen Schmerz heimholen

Ich schreibe hier von einer Erfahrung, die ich sehr liebe, die ich mittlerweile häufig bei mir selbst und in meiner Begleitung anderer Menschen machen durfte, und an der ich mich gern orientiere auf der Suche nach dem Umgang mit schwierigen Themen und Zuständen in mir und anderen. Meistens geht ihr ein Prozess des Suchens und Probierens voraus, mit Widerständen und Umwegen durch eine Menge von Abwehrbewegungen und Scheinlösungen. Da die meisten von uns gelernt haben, Schmerzen zu vermeiden und als etwas Lästiges anzusehen, kommt die Erfahrung als Überraschung daher. Die Erfahrung von der ich schreibe ist, wenn nach so einem Suchprozess ein ganz bestimmter Schmerz, so individuell wie eine Person, der ich ins Gesicht schaue, vor mir steht und gefühlt wird und auf einmal fraglos klar ist, dass ich bei dem Kern einer Schwierigkeit in meinem Leben angekommen bin. Während ich vorher den Schmerz oder ‚dieses ewige alte Thema‘ loswerden wollte, ist dieser Moment von einer ganz anderen Stimmung geprägt: Erleichterung und das Erkennen, dass etwas zu mir zurück kommt, das mir gefehlt hat und das mich heiler macht. Ich habe den Schmerz heimgeholt und erst in dem Moment gemerkt, dass er mir nicht zu viel war, sondern mir gefehlt hat.

Vielleicht könnt Ihr damit schon so etwas anfangen, weil Ihr selber diese Erfahrung gemacht habt. Wenn nicht, verdeutlicht vielleicht ein Beispiel von mir, was ich meine. (Ich muss zugeben, dass ich am liebsten Beispiele teilen würde, die nicht von mir stammen, sondern von Menschen, die ich begleitet habe. Denn darunter sind solche, die mich selbst viel mehr inspirieren und begeistern als meine eigenen. Hier steht daher eine herzliche Einladung an Euch alle: Tragt Eure Geschichten und Euer Leuchten bei!)

Ein persönliches Beispiel

Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, war das grundsätzlich eine Zeit großer Zuversicht und Freude in meinem Leben. Nur eine Sorge meldete sich: Irgendwann würde das Thema Schule auf dem Plan stehen. Natürlich war mir klar, dass meine eigene Schul-Erfahrung einewichtiger Auslöser meiner Sorge war. Ich denke, dass ich in mancher Hinsicht eine besonders unmenschliche Schulzeit hatte, dass aber gleichzeitig viel von meinen Erlebnissen symptomatisch für unser Schulsystem und seine Logik sind und selbst heute in vielen Schulen so ähnlich auftauchen. Und davor wollte ich mein Kind mal ganz sicher bewahren. Nur wie? Das Wesentliche für mein Thema hier ist nicht das Thema Schule oder Schulsystem. Das Wesentliche für mein Thema hier ist, dass ich dachte, ich hätte meine eigene Vergangenheit verarbeitet und wäre mit einem Problem der Gegenwart bzw. nahen Zukunft beschäftigt. Aber es zeigte sich, dass dies Problem für mich so mit Stress und Druck verbunden war, dass es für mich sehr schwer auszuhalten war, wie die Babyjahre meines Kindes verstrichen, ohne dass ich eine Lösung gefunden hatte. Ich fing Projekte an, die nicht wirklich zielführend waren. Und ich machte es mir selbst und meinem Partner mit der Heftigkeit meiner Sorge, mit Forderungen und Vorwürfen schwer, in einen konstruktiven und kreativen Such- und Findungsprozess zu gelangen. Alle möglichen Anläufe zur Lösung meines Problems scheiterten und ich kam nach viel Frustration an einen Punkt großer Erschöpfung und Ratlosigkeit. An einem Tag, an dem ich auch von anderen alltäglichen Herausforderungen – wenig Schlaf, allgemeines Elternsein, etc. – erschöpft war, wollte ich schwimmen gehen, um mir etwas Gutes zu tun. Als ich mit Sack und Pack beim Schwimmbad ankam und das Schild sah ‚Heute nur für Vereine für allgemeines Publikum geschlossen‘, da liefen mir mitten auf dem Bürgersteig in der Kälte Tränen über die Wangen. Und zum Glück habe ich dann gedacht: „Jetzt reichts aber.“ Ich bat meinen Partner, unser Kind aus der Kita zu holen und ging selbst in ein anderes Bad, wo ich bis abends spät im warmen Wasser sitzen konnte. Und ganz ohne dass ich das schon früher hätte kommen sehen, ohne Kraft für weitere Schmerz-Abwehr, öffnete sich in mir ein Raum für den noch nicht gefühlten Schmerz aus meiner Schulvergangenheit. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal die Gefühle der Einsamkeit und Überforderung wirklich gefühlt, die während meiner Schulzeit meine Begleiter waren. Bzw. wären sie damals meine Begleiter gewesen wären, wenn ich nicht einen Schutz vor Schmerz namens ‚Ich bin groß und stark und brauche keine Unterstützung‘ gehabt hätte. Ich habe früh in meinem Leben einen Panzer aus Kompetenz und Selbstverantwortung getragen. Und ich habe mir damals weitgehend selbst geglaubt, dass mir nichts etwas anhaben kann. Ich wäre mit den verletzlichen Gefühlen auch überfordert gewesen. Zwanzig Jahre später im warmen Wasser hatte ich so viel liebevollen Raum in mir entwickelt, dass ich hinter den Panzer nicht nur schauen konnte, sondern die Gefühle nachträglich fühlte, die damals nicht lebendig werden konnten. Ich weinte ein wenig und lachte gleichzeitig, weil sich in diesem Moment unmissverständlich klar zeigte, dass der Großteil von dem Stress und dem Druck, den ich bei der „Schulfrage“ empfand, mein noch nicht gefühlter eigener Schmerz war. Es war wie einen geliebten Teil meines Selbst endlich in die Arme zu schließen und zu merken, wie sehr ich sie vermisst hatte. Und das, nachdem ich zwanzig Jahre lang genervt war, dass dieser Teil immer an der Tür klingelte, und ihm durch die Sprechanlage gesagt hatte, er solle sich verpissen.

Das war so einer dieser den Schmerz heim holen-Momente, die ich wegen ihrer oft überraschenden, belebenden, mich befreienden und in meine Ganzheit wachsen lassenden Qualität liebe. Ich finde es bemerkenswert, was dabei alles gleichzeitig geschieht: Akzeptanz und Einordnung eines Schmerzes als Teil meiner Geschichte, den ich nicht verleugnen kann und will.

Was ziehe ich daraus?

Erkenntnis: Ach, genau so war es damals für mich und in mir! Diffuser Druck oder unverständliche Last bekommen auf einmal ein ganz individuelles Gesicht, dadurch dass die tatsächlich ausgelösten Gefühle und die zugrundeliegenden Bedürfnisse offen liegen. Ich verstehe mich selbst auf eine tiefe Art und Weise neu.

Befreiung: Die Mechanismen meines Systems, um noch nicht gefühlte Gefühle in mein Fühlen und Bewusstsein zu bringen, haben bis dahin oft eine für mich schwer kontrollierbare Wirkung auf meine Gegenwart entfaltet. In meinem Beispiel war das dieses Getriebensein, der Stress und Druck bei der Schulfrage – ein ganz unfreies Verhältnis zu diesem Thema. Als ich den Schmerz heim geholt hatte, da lösten sich diese Schatten auf. Ich habe bei der Schulfrage immer noch ein Fragezeichen und sehe da immer noch eine Verantwortung und Aufgabe für mich als Mutter. Aber ein ganz bestimmter, sehr drängender Druck ist gewichen, der eigentlich gar nichts mit dem Hier und Jetzt und meinem Kind, sondern mit meiner eigenen Geschichte und mir als Kind zu tun hatte. Der hat nun am passenden Ort – sprich bei mir – Gehör gefunden.

Wenn Ihr manchmal genervt, überfordert, unwillig den alten Themen gegenüber steht, die in den unpassendsten Momenten an Eurer Tür klingeln, dann hoffe ich dass meine Erfahrung Euch inspirieren kann, umzudenken und eine neue Erwartung zu formulieren: Die Erwartung, dass da ein Schmerz darauf wartet gesehen und begrüßt, also heim geholt zu werden. Und dass diese Begegnung keineswegs nervig sein wird, sondern vermutlich traurig, verbunden mit Schmerzen und gleichzeitig glücklich, erkenntnisreich, heilsam und befreiend.

Bei Themen, die uns entweder schon sehr lange beschäftigen oder von denen wir die Angst haben, dass sie uns lange beschäftigen werden, wenn wir einmal damit anfangen, lohnt es sich zu fragen: Was gibt es vielleicht, dem ich – im übertragenen Sinne – noch genauer ins Gesicht oder ins Herz schauen könnte? Welches ist eigentlich der spezifische Schmerz, um den es hier geht? Und dabei die Zuversicht zu investieren, dass es etwas Wertvolles zu entdecken gibt und dass ich mich geradezu freuen kann auf den Moment, wo ich zum Kern der Sache fühle und einen bestimmten lieben Teil von mir, der schmerzt, heim holen kann.

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